Kapitalmärkte im Bann des Virus

Marktkommentar – Stand: 20. März 2020

Schnell gesagt:
– Die Systeme (Gesellschaft, Wirtschaft und Finanzen) werden kontrolliert runtergefahren (Reset)
– Kapitalmärkte suchen ihren Boden
– Eine aktive Portfoliostrategie bietet Vorteile

Reset der Systeme
Mit dem Ziel die Infektionsketten zu durchbrechen und den Verlauf der Ansteckungsraten zu glätten, werden täglich weitere einschneidende Massnahmen seitens der Politik verabschiedet. Grenzen werden geschlossen und die Be-wegungsfreiheit eingeschränkt. In unserem freiheitlich und liberal geprägten Gesellschaftsmuster funktioniert das nur in Schritten und wohldosiert. Wer hätte vor vier Wochen schon gedacht, dass in Europa Ausgangssperren verhängt und die Schliessung von Bildungseinrichtungen und Geschäften durchgesetzt werden und Hamsterkäufe an der Tagesordnung sind. Durch Aufklärung und transparente Entscheidungsfindungsprozesse ist es der Politik gelungen, mit aller Entschlossenheit den Kampf gegen die Verbreitung des Coronavirus aufzunehmen. Trotz der Beschränkung im öffentlichen und sozialen Leben herrscht weitestgehend Ruhe in der Bevölkerung. Dies ist ein Indiz für gutes Krisenmanagement. Mittlerweile dürfte sich nahezu jeder Bürger der Bedrohung bewusst sein. Die Bilder vom Abtransport der Leichen durch das italienische Militär am vergangenen Donnerstag, dürften auch die letzten Zweifel am Ernst der Lage ausgewischt haben.

Die Einschränkungen im öffentlichen und sozialen Leben stossen Wirtschafts- und Finanzsystem an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Die Konjunktur geht auf Talfahrt und in diesen Tagen überschlagen sich die Meldungen über Grösse und Ausmass der Rezession. In seinem Risikoszenario geht das Ifo-Institut von einer Abschwächung der Deutschen Konjunktur von 6% für 2020 aus. Das SECO errechnet für die Schweiz einen Rückgang der Wirtschafts-leistung von 1,3%.

Diesen Abschwung gilt es zu managen. Regierungen und vor allem die grossen Notenbanken haben die Aufgabe übernommen. Seit Ausbruch der Krise in der westlichen Welt Anfang März, haben allein die US-Notenbank und die Europäische Zentralbank (EZB) rund 2 Billionen USD in den Markt gepumpt. Die Regierungen rund um den Globus schnürten Pakete, um die Last von Unternehmen und Menschen zu nehmen, ebenfalls im Billionen-Bereich. Dabei geht es noch nicht um die Belebung der Konjunktur, sondern einzig und alleine darum die Systeme kontrolliert runter zu fahren. Tatsächlich scheint es so, als könne der Kollaps im Finanzsystem vermieden werden. Noch ist nicht klar, ob die Mechanismen tatsächlich auch den Kollaps in der Wirtschaft verhindern werden.

Damit können wir das aktuelle Geschehen in zwei Phasen einteilen:
Phase 1: Pandemie eindämmen (aktuell bis ???)
Phase 2: Finanz- und Wirtschaftssystem stabil halten (Start März, Massnahmen EZB, Fed und andere Notenbanken)

Die nächste Phase, der Wiederbelebung der Konjunktur, kann erst nach sichtbaren Erfolgen bei der Eindämmung der Pandemie starten. Ansonsten wäre die Gefahr zu hoch, dass die möglichen Massnahmen verpuffen. Es kann der Zeitpunkt nicht verifiziert werden, aber es ist nicht die Frage ob, sondern nur die Frage wann Konjunkturpakete in einem heute noch nicht vorstellbarem Ausmass erlassen werden. Daher nehmen wir schon heute die Phase 3 mit in unsere Agenda auf:
Phase 3: Konjunktur wieder anschieben (Start sobald Pandemie beherrscht wird)

 

Kapitalmärkte
Von einem kontrollierten Runterfahren kann an den internationalen Kapitalmärkten keine Rede sein.
Die Aktienmärkte zeigen den grössten Crash seit 11 Jahren. Noch nie sind die Aktienmärkte innerhalb so kurzer
Zeit so stark gefallen.
Zu Beginn schienen noch die gegenläufigen Korrelationen unterschiedlicher Anlageklassen zu funktionieren. Das
Gold stieg auf ein Mehrjahreshoch und auch die Anleihenmärkte waren relativ stabil. Diese Idealwelt der modernen Portfoliotheorie hielt jedoch nur knapp 10 Tage. Seit Anfang der zweiten Märzwochen durchleben die Kapitalmärkte den Panikmodus.

Alles wird blind ab verkauft.

Der Aktiencrash beschleunigt sich, der Goldpreis fällt, der US-Dollar steigt, die Anleihen mit geringerer Bonität
crashen im Gleichlauf mit den Aktienmärkten. Auch eine regionale Diversifikation stiftet nur einen begrenzten Mehrwert.

Wann ist der Boden gefunden? – Wir wissen es nicht!
An dieser Stelle wiederholen wir uns: Panik war noch nie ein guter Ratgeber!

Manchmal hilft es jedoch, die Perspektive zu wechseln und sich seiner ursprünglichen Idee der Kapitalanlage zu
besinnen.
Dabei helfen oft einfache Fragestellungen, wie zum Beispiel:
– Liegt das Überraschungspotential von jetzt an auf der positiven oder auf der negativen Seite?
– Wie soll meine Depotstruktur in 1, 2 oder 3 Jahren aussehen?
– Was fällt mir leichter? Mit einem Abschlag von 35% Aktien zu kaufen oder zu verkaufen?
– Wie werden andere Akteure wie Notenbanken, Investmentprofis und Unternehmen an den Kapitalmärkten
voraussichtlich handeln?

Weitsicht und Besonnenheit sind bessere Ratgeber als Angst!

 

Unsere Portfoliostrategie
Der Schutz der uns anvertrauten Vermögenswerte liegt im Fokus unseres Handelns.
Relativ zügig haben wir deshalb zu Beginn der Krise Risikoquoten abgebaut und Liquidität aufgebaut. So wollen
wir die jederzeitige Handlungsfreiheit behalten. Bei jedem dieser Schritte ist es wichtig, die Qualität des Portfolios
im Auge zu behalten.

Wir konnten nicht alle Verluste vermeiden, aber es ist uns gelungen, einen guten Teil des Kurscrashs von unseren Kundenportfolios fern zu halten.
Aktuell sind die Aktienquoten stark untergewichtet und auch die Anleihensseite von zu hohen Bonitäts- bzw. Kreditrisiken bereinigt. Mit einer hohen Liquiditätsquote gehen wir in die nächste Phase.
Es ist noch nicht sicher, wann und auf welchem Niveau die Kapitalmärkte und insbesondere die internationalen
Aktienmärkte ihren Boden finden werden.

Die Botschaft sollte jedoch jedem Marktteilnehmer klar sein. Sobald Erfolgsmeldungen im Kampf gegen die Pandemie die Nachrichten erobern und die Notenbank- und Fiskalpolitik konzertiert Programme und Massnahmen zum Anschub der Wirtschaft verabschieden, sollten die Investitionsquoten wieder hochgefahren sein.

Aus unserer Sicht gilt es in mehreren Schritten die gewonnene Liquidität wiedereinzusetzen und die Risikopositionen in den ersten Schritten auf eine neutrale Position zu bringen.

Bleiben Sie gesund und fit!

Herzlichst
Ihre Belvoir Capital AG

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